GA4 hat jetzt Dashboards: Ist Matomo noch die bessere Wahl?

· 7 Min. Lesezeit ·

Am 9. September 2026 hat Google eine der meistvermissten Funktionen aus Universal Analytics zurückgebracht: Dashboards in Google Analytics 4. Wer bisher für jede Management-Übersicht Looker Studio bemühen musste, kann seine wichtigsten Kennzahlen jetzt direkt in GA4 auf einer Seite zusammenstellen.

Ein guter Anlass, die Werkzeugwahl nüchtern zu prüfen: Welche Kritik an GA4 ist mit dem Update erledigt, und welche Punkte sind strukturell und bleiben? Dieser Artikel ordnet beides ein, mit Quellen und ohne GA4 schlechter zu machen, als es ist.

Was die GA4-Dashboards können

Google beschreibt Dashboards als flexible Möglichkeit, die Kennzahlen eines Unternehmens in einem einzigen Bericht zu sehen. Konkret heißt das:

  • Karten auf einem Raster, per Drag-and-drop angeordnet: Kennzahlen (mit Veränderung, sobald Sie einen Vergleichszeitraum wählen), Tabellen, Linien-, Balken- und Donut-Diagramme sowie Trichter.
  • Veröffentlichen und anheften: Fertige Dashboards lassen sich in die linke Navigation übernehmen. Anlegen und veröffentlichen dürfen Nutzer mit der Rolle Bearbeiter oder Administrator.
  • Grenzen: höchstens 15 Karten pro Dashboard, in Analytics 360 sind es 30. Jedes veröffentlichte Dashboard sehen alle, die Zugriff auf die Property haben. Persönliche Dashboards gibt es nicht. API-Zugriff, Segmente und Vergleiche auf Kartenebene werden derzeit nicht unterstützt.
Die sechs Kartentypen der GA4-Dashboards (Kennzahl, Linie, Balken, Donut, Tabelle und Trichter) und ihre Grenzen: höchstens 15 Karten (Analytics 360: 30), für alle in der Property sichtbar, noch ohne API-Zugriff, Segmente und Vergleiche pro Karte.
Schematische Darstellung, nicht die Originaloberfläche von Google Analytics.

Ob für Dashboard-Karten Schwellenwerte oder Sampling greifen, dokumentiert Google bisher nicht.

Für den Alltag ist das ein echter Fortschritt. Wer GA4 vor allem wegen fehlender Übersichten abgelehnt hat, hat einen Grund weniger.

Was bleibt: Datenhoheit und Rechtsgrundlage

Die Dashboards ändern nichts daran, wo die Daten verarbeitet werden. GA4 ist ein Dienst von Google, die Messdaten liegen bei Google, auch in den USA.

Datentransfer in die USA. Seit dem 10. Juli 2023 gibt es mit dem EU-US Data Privacy Framework wieder einen Angemessenheitsbeschluss der EU-Kommission. Das Gericht der EU hat eine Klage dagegen am 3. September 2025 abgewiesen (Rechtssache T-553/23, Latombe). Gegen dieses Urteil ist Berichten zufolge ein Rechtsmittel beim Europäischen Gerichtshof anhängig. Stand heute ist der Rahmen in Kraft. Er ist aber bereits der dritte Anlauf nach Safe Harbor und Privacy Shield, und die Kommission muss die US-Rechtslage laufend überwachen.

Einwilligung. Der Transfer ist nur eine Frage, die andere lautet: Brauchen Sie für die Messung eine Einwilligung? Die deutschen Datenschutzbehörden haben 2020 festgehalten, dass ein rechtmäßiger Einsatz von Google Analytics „in der Regel nur aufgrund einer wirksamen Einwilligung“ möglich ist. Der Beschluss stammt aus der Zeit vor GA4 und vor dem neuen Rahmen; eine neuere, GA4-spezifische Stellungnahme gibt es nicht. In der Praxis läuft GA4 in Deutschland deshalb fast immer hinter einem Consent-Banner.

Was ohne Einwilligung passiert, regelt Googles Einwilligungsmodus (Consent Mode):

  • Im einfachen Modus laden die Tags erst nach der Zustimmung. Lehnt jemand ab, geht nichts an Google. Diese Besuche fehlen.
  • Im erweiterten Modus sendet GA4 bei Ablehnung Signale ohne Cookies, und ein Machine-Learning-Modell schätzt das Verhalten der Ablehnenden. Das funktioniert nur ab einer Mindestmenge: mindestens 1.000 Ereignisse pro Tag von Ablehnenden über sieben Tage und mindestens 1.000 zustimmende Nutzer pro Tag an sieben der letzten 28 Tage. Modellierte Daten fließen weder in Zielgruppen noch in den BigQuery-Export.
Ablauf bei Ablehnung im Banner: Im einfachen Modus laden die Tags nicht, nichts geht an Google, der Besuch fehlt. Im erweiterten Modus sendet GA4 Signale ohne Cookies, ein Machine-Learning-Modell schätzt die Werte, nur ab 1.000 Ereignissen pro Tag von Ablehnenden und 1.000 zustimmenden Nutzern pro Tag.
Einfacher und erweiterter Einwilligungsmodus im Vergleich.

Für kleine und mittlere Websites heißt das oft: Wer ablehnt, fehlt in der Statistik.

Dieser Abschnitt ist eine Einordnung, keine Rechtsberatung.

Aufbewahrung, Schwellenwerte, Sampling

Hier lohnt ein genauer Blick. In vielen Vergleichen, auch in Matomos eigenem Blog, wird GA4 strenger dargestellt, als Googles Dokumentation es hergibt.

  • Aufbewahrung: Ereignisdaten lassen sich in Standard-Properties 2 oder 14 Monate aufbewahren; 26, 38 oder 50 Monate gibt es nur in Analytics 360. Große Properties sind auf 2 Monate begrenzt. Wichtig: Die Frist betrifft nur Explorationen und Trichterberichte, nicht die aggregierten Standardberichte. Alter, Geschlecht und Interessen bewahrt GA4 immer nur 2 Monate auf.
  • Schwellenwerte: Enthält ein Bericht demografische Daten oder Suchanfragen mit zu wenigen Nutzern, blendet GA4 Zeilen aus. Die Schwellen legt Google fest, Sie können sie nicht ändern.
  • Sampling: Standardberichte sind vom Sampling-Limit nicht betroffen. Gesampelt werden Ad-hoc-Abfragen wie Explorationen, sobald sie mehr als 10 Millionen Ereignisse verarbeiten (in Analytics 360 bis zu einer Milliarde). Eine Ausnahme nennt Google selbst: Wer sehr große Datenmengen nach Land filtert, kann auch in Standardberichten gesampelte Werte sehen.
  • Rohdaten: Auch Standard-Properties können nach BigQuery exportieren. Der tägliche Export ist auf 1 Million Ereignisse begrenzt. Der Streaming-Export hat kein Limit, kostet aber 0,05 US-Dollar pro Gigabyte. Dazu kommen die BigQuery-Kosten für Speicher und Abfragen.

Zum fairen Vergleich: Matomo auf eigenen Servern sampelt nicht und kann Rohdaten wie Berichte unbegrenzt aufbewahren; die Löschfristen legen Sie selbst fest. Dafür fasst Matomo beim Archivieren lange Tabellen ab einem Zeilenlimit unter „Others“ zusammen, etwa ab 500 Seiten. Auf eigenen Servern lässt sich dieses Limit anpassen. In der Matomo Cloud ist die Aufbewahrung der Rohdaten je nach Tarif begrenzt.

GA4 und Matomo im Überblick

GA4 (Standard-Property) Matomo auf eigenem Server
Datenort bei Google, auch in den USA Ihr Server oder ein Dienstleister Ihrer Wahl
Aufbewahrung der Ereignisdaten 2 oder 14 Monate frei wählbar, auch unbegrenzt
Sampling bei Ad-hoc-Abfragen ab 10 Mio. Ereignissen keins; lange Tabellen ab Zeilenlimit unter „Others“
Zugriff auf Rohdaten BigQuery-Export, täglich bis 1 Mio. Ereignisse direkt per SQL oder API
Messen ohne Cookies nur Signale im erweiterten Einwilligungsmodus, Werte geschätzt per Konfiguration möglich
Kosten kostenlos, Analytics 360 kostenpflichtig Open Source; Server und Betrieb kosten

Wann GA4 die richtige Wahl bleibt

GA4 ist kostenlos und tief mit dem Google-Ökosystem verzahnt. Es bleibt die naheliegende Wahl, wenn

  • Sie Google Ads intensiv nutzen und Zielgruppen, Conversions und Gebotsstrategien aus Analytics speisen,
  • Ihre Daten ohnehin in BigQuery zusammenlaufen und dort ein Datenteam arbeitet,
  • Sie keine eigene Infrastruktur betreiben wollen und mit Banner und Einwilligungsmodus gut leben können.

Wann Matomo die bessere Wahl ist

Matomo spielt seine Stärken aus, wenn

  • die Daten auf Ihrer eigenen Infrastruktur oder bei einem Dienstleister in der EU bleiben sollen, etwa bei Behörden, im Gesundheits- und Finanzbereich oder bei Kunden mit strengen Compliance-Vorgaben,
  • Sie Rohdaten über Jahre auswerten wollen, ohne 14-Monats-Grenze und ohne BigQuery-Rechnung,
  • Sie direkten Zugriff auf die Rohdaten per SQL oder API brauchen,
  • ein großer Teil Ihrer Besucher Cookies ablehnt: Matomo lässt sich cookielos betreiben und dann, je nach Konfiguration und rechtlicher Bewertung, mit deutlich weniger Lücken messen.

Umstieg ohne Datenlücke

Wenn Sie wechseln wollen, gehen Sie schrittweise vor:

  1. Parallel messen: Betreiben Sie Matomo einige Wochen neben GA4 und vergleichen Sie die Zahlen. Abweichungen sind normal, schon weil unterschiedliche Einwilligungs- und Bot-Regeln greifen.
  2. Ziele und Ereignisse übertragen: Legen Sie Conversions, Ereignisse und Kampagnen-Parameter in Matomo so an, dass die Berichte vergleichbar bleiben. Ihren bisherigen Tag Manager können Sie weiterverwenden oder auf den Matomo Tag Manager umstellen.
  3. Historie sichern: Für vorhandene Google-Analytics-Daten gibt es ein Import-Plugin für Matomo.
  4. Umschalten: Erst wenn die Zahlen plausibel sind, entfernen Sie GA4 und passen Ihre Datenschutzerklärung an.

Fazit

Die Dashboards machen GA4 im Alltag deutlich angenehmer. An den strukturellen Fragen ändern sie nichts: wo die Daten liegen, auf welcher Rechtsgrundlage gemessen wird und wie lange Rohdaten verfügbar sind. Wer diese Fragen mit „bei uns, möglichst lückenlos, dauerhaft“ beantwortet, ist mit Matomo besser bedient.

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Peter Boehlke

Über den Autor

Peter Boehlke

Gründer von feinwerk · Matomo-Spezialist seit 2009

Peter Boehlke arbeitet seit 2009 mit Matomo: als Mitglied des Matomo-Teams, Contributor zum Open-Source-Projekt und Integration Partner im Matomo-Partnerprogramm. Mit feinwerk betreibt er Matomo-Instanzen bis in den High-Traffic-Bereich, entwickelt eigene Plugins für Matomo und berät zu Tag Management, Tracking-Konzepten und datenschutzkonformer Messung.

  • Matomo seit 2009
  • Matomo Integration Partner
  • Matomo Contributor
  • Eigene Plugins für Matomo

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